Kleine Stilkunde: Abstrakt

Es hatte sich schon länger angebahnt. Im Lauf des 19. Jahrhunderts zeigten wissenschaftliche Erkenntnisse, wie leicht unser Gehirn durch optische Täuschungen zu lenken ist. Und war es nicht schon immer offenkundig, dass die zweidimensionale Abbildung eines Gegenstandes niemals der dreidimensionalen Wirklichkeit entsprechen kann?

Was bedeutet es also, „gegenständlich“ zu malen? Waren diese realen Situationen nicht doch nur Illusion? Konnte nicht die gerade entwickelte Fotografie die wirkliche Welt viel präziser einfangen? Und mit ihren Linsen, noch weitreichender mit denen des Mikroskops, veränderte sich für immer unser Blick auf die Dinge.

Daneben wuchs mit den Möglichkeiten der Bildbearbeitung auch die der Manipulation. Heute, in Zeiten von Deepfakes, lassen sich Personen in Fotos oder Videos unerkannt einfügen oder klonen.

Die vermeintliche Wahrheit und Realität der Gegenstände steht also längst zur Disposition. Künstlerinnen und Künstler reagieren seismographisch auf solch fundamentale, wissenschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen. Kein Wunder, dass sie sich in unterschiedlichsten Stilrichtungen vom Gegenstand abwanden.

Dabei war die orientalische Kunst schon immer ornamental, abstrakt. Im westlichen Kunstkanon begründeten Hilma af Klint und Wassily Kandinsky eine neue Form der Abstraktion. Eine Kunst, die sich auf das Geistige, Spirituelle berief und den Blick über das Sichtbare hinausführt.

Das lateinische „abstractus“ verweist auf eine Stilrichtung, die sich durch „Weglassen“, auszeichnet. Die Konzentration auf das Wesentliche, Farben und Formen. So reicht die Essenz der Dinge über ihre blosse, ohnehin in Frage gestellte Realität hinaus. Damit genügt es nicht mehr, etwas nur zu betrachten, es muss auch erfühlt, hinterfragt, im Kontext gesehen werden.

Mit herzlichem Gruss
Ihre Eva Mueller

Abstrakt

Im freundschaftlichen Kontakt mit Pablo Picasso, der wie sie im südfranzösischen Vallauris sein Atelier hatte, entdeckte die Künstlerin Anna Thorwest ihre Faszination für abstrakte Werke. Hier zwei Zeichnungen von ihr aus dieser Zeit. Zuvor hatte sie sich vor allem naturalistischen Tierskulpturen gewidmet. Wie sie diese Themen nun abstrahiert, ist in den vorliegenden Blättern gut zu erkennen. Die meisten Bildhauer:innen sind zeichnerisch sehr begabt, ihre Skizzen dienen dem genauen Studium vor der Realiserung dreidimensionaler Werke. 

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