Das Geheimnis
Jede Woche öffne ich Briefe, Kataloge oder Mails mit Anfragen von Künstler:innen. Oft schreiben mir wohlwollende Menschen voller Begeisterung von einer Ausstellung, die sie mir unbedingt ans Herz legen wollen. Oder sie engagieren sich gleich dauerhaft für Kunstschaffende und bestehen darauf, dass es so etwas noch nie gegeben hätte. Ich sollte mich schleunigst auf den Weg machen.
Angepriesen wird eine ganz neue und bisher nie dagewesene Technik. Nur ist Kunst halt kein Handwerk. Auch wenn eine gute Idee natürlich nur mit den entsprechenden handwerklichen Fähigkeiten zu einem gelungenen Objekt führt. Andere meinen, ihre Exponate passen soooo gut in Unternehmen, weil sie einen Aufstieg darstellen (der Einfachheit halber durch eine Treppe). Illustration ist eine grossartige Sache. Nur eben keine freie Kunst. Auch sie lebt eher von der subtilen und feinen Ausführung. Wer mag auf die vermeintlich geniale Idee dahinter mit dem Holzhammer aufmerksam gemacht werden?
Was fehlt: Das Geheimnis!
Alle Voraussetzungen müssen da sein: Die spezielle Begabung, unermüdliche Arbeit und Verbesserung, technisches Können, um die eigenen Ideen umsetzen zu können. Und nicht zuletzt auch eine Persönlichkeit, die mit den Herausforderungen eines Kunstmarkts umzugehen weiss, auf dem sich viele tummeln und nur wenige wirklich Erfolg haben.
Das Wesentliche ist die Magie.
Sie ist nur erreichbar, wenn alle oben beschriebenen Voraussetzungen erreicht werden – und geht weit darüber hinaus. Erst dann berührt uns ein Werk. Wir erkennen seine essentielle Substanz. Wir erkennen uns vor allem selbst wieder. Sind vielleicht sogar erschüttert. Oder zutiefst beglückt über die Schönheit.
Letztendlich lässt sich diese Faszination nicht erklären. Es ist das Geheimnis grosser Kunst.
Mit beglückten Grüssen,
dass es Künstler:innen gelingt, solche Kunstwerke zu erschaffen – und meine Freude, sie in den Ateliers zu entdecken,
Ihre Eva Mueller

Abb.: „Wiedergänger“ von Levin Stettler Brogli, in Zusammenarbeit mit Marcel Nyffenegger & Tina Ehrat, 2026
Am letzten Wochenende der Ausstellung in Zürich entdeckt: Ein Kind, reich geschmückt mit Tätowierungen und Krone führt sehr entschlossen ein riesiges Wesen, zottelig, schwerfällig, bedrohlich durch seine schiere Grösse, im Ausdruck doch eher gutmütig. Was bedeutet der Titel „Wiedergänger“? Womit werden wir immer wieder konfrontiert? Welche alten Gestalten begleiten uns? Wer ist Komplizin, Spiegel oder Wegweiser? Es bleibt geheimnisvoll.
„Speaking All At Once“, Shedhalle Zürich, kuratiert von Laura Amann Marin & Jen Kratovchvil