Zeit für ein Ferngespräch, Bubikopf und Aufbruchstimmung

Es galt schon als etwas Besonderes in den 1920er Jahren, wenn man ein Ferngespräch führte. Die Zensur war zwar offiziell abgeschafft. Aber Kurt Tucholsky rät in seiner Satire, deutlich und dialektfrei zu sprechen, damit auch die Überwachungsbeamten alles verstehen können.

Ferngespräch

Das Lenbachhaus München widmet sich in seiner aktuellen Ausstellung der Weimarer Zeit. Ein Gemälde der damals sehr erfolgreichen Künstlerin Käte Hoch zeigt ihren Freund Erich Müller-Kamp bei so einem Ferngespräch. Sie ist eine der ersten, die gegen Hitlerdeutschland malt und kämpft. Willy Jäckel präsentiert uns seine „Dame mit Zigarette“, eine moderne Frau, deren Blick verrät, dass sie mit unterschiedlichsten Erfahrungen zurechtkommen muss. Der erste Weltkrieg hat seine Spuren hinterlassen. Die möchte man metaphorisch passend gerne hinter sich lassen. Und so herrscht Aufbruchstimmung, ausschweifendes Nachtleben neben Wohnungsnot, sexueller Befreiung, Armut, Bubikopf und Strassenkampf.

Ferngespräch

Das Spiel mit der Mode erhält eine neue Bedeutung. Anders, als auf dem Dorf, kennt man sich nicht mehr. Wie also präsentieren, erkannt und anerkannt werden? Freiräume entstehen. Identitäten können neu erfunden oder gewechselt werden. Sogar verschiedene (Geschlechter-)Rollen lassen sich erproben.

Die Kurator:innen Karin Althaus, Adrian Djukic und Matthias Mühling zeigen den Alltag an Hand von Gemälden, Zeichnungen, Büchern und Fotografien, Filmausschnitten und Musik. Wir erleben die Weimarer Republik mal nicht von ihrem gewaltsamen Ende gesehen. Die Ausstellung führt uns mitten hinein in die Widersprüche. Noch ist unklar, wie das Ganze ausgeht.

Und heute?

Klugerweise werden keine vergleichenden, pauschalisierenden Schlüsse zu Heute gezogen, wie es leider manchmal holzschnittartig geschieht. Wir können den Situationen selbst nachspüren und grossartige Kunst der 1920er Jahre entdecken.

Mit den besten sonntäglichen Grüssen
Ihre Eva Mueller

Abb.: 
oben – Käte Hoch „Bildnis Dr. E. Müller-Kamp“, Öl auf Leinwand,
95,5 cm x 100,6 cm x 2,1 cm, 1929, Städt. Galerie im Lenbachhaus

Mitte links – Selbstbildnis Käte Hoch (Ausschnitt), Öl auf Leinwand,
86,3 cm x 76,3 cm x 2,1 cm – Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München

Mitte rechts – Willy Jaeckel „Dame mit Zigarette“ (Ausschnitt), Öl auf Leinwand, 65,4 cm x 51,3 cm x 2 cm, 1925 – Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, Teilerwerb durch die Eva Margarete Lückenhaus-Stiftung und anteilige Schenkung an die Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung durch Marianne Nienaber 2024

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