Aus Sand gebaut – Kunstpreis für Jeewi Lee
Mildes gelbes Licht, fragile Gebilde organischer Formen am Boden, Wandarbeiten. Eine ganz eigene Schwingung im Raum. Beim Näherkommen sehe ich: Der Boden ist zum Teil mit Sand bedeckt. Auch die Objekte scheinen aus Sand gebaut. Ebenso die Bilder.
Ursprünglich: Zerfallene Gesteinsbrocken in vielen kleinen Körnchen. Heute universeller Rohstoff beim Bauen, in Gläsern, Keramiken, Halbleitern, Mikrochips. Sand ist mittlerweile überall im Einsatz. Und wird knapp. Künstlich aufgeschüttete Inseln sollen den Anstieg des Meeresspiegels aufhalten. Mit speziellen Winden fliegt er uns als Sandstaub aus der Sahara um die Nase. Im Urlaub, am Strand, erkennen wir unsere Fussspuren in ihm.
Was an Erinnerung bleibt
Um Spuren und Vergänglichkeit im zeitlichen Ablauf geht es auch Jeewi Lee in ihren Arbeiten. „Residual Memories“ (Verbliebene Erinnerungen) heisst ihre aktuelle Ausstellung in der Berlinischen Galerie. „Spuren bilden den Ausgangspunkt ihrer künstlerischen Forschung. In ihr verschmelzen wissenschaftliche Materialanalysen mit Aspekten taoistischer Philosophie und individueller Mythologie zu poetischen, meditativen Bildwelten,“ würdigt die Jury Lees Arbeiten bei der Preisverleihung für den GASAG Kunstpreis 2026.
Jeewi Lees technisch aufwändige Prozesse – künstlerisch brilliant
Ausgewählte Sandkörner an unterschiedlichen geografischen Orten gesammelt, wurden von Spezialisten der Carl Zeiss Industrielle Messtechnik GmbH mit einem Röntgenmikroskop gescannt. Die Skulpturen entstehen gemeinsam mit dem Geometrieforscher Phillip C. Reiner auf Grundlage von Computermodellen dieser dreidimensionalen Scans. Dabei sind viele Parameter zu beachten, der Mineralgehalt, die Geometrie, die nahtlosen Formen, die Dicke der Schichten, ihre Härte, Rückstände, Grösse, Farbe.
Wie ein technisch so aufwändiger Prozess zu solch wunderbar poetischen Gebilden führt, das ist erstaunlich und anrührend zugleich.
Mit bewegten Grüssen
Ihre Eva Mueller

Abb.: „Residual Memories“, Installation mit Quarzsand, Kunstharz, Mischtechnik, in verschiedenen Massen und Bilder aus der Serie „Fragmente“ von Jeewi Lee zur Ausstellung in der Berlinischen Galerie bis zum 5.4.27.