Anbetung der Mächtigen
Sie kennen wahrscheinlich das berühmteste Gemälde von Sandro Botticelli zur Geburt der Venus. In seiner Darstellung der Heiligen Drei Könige ist die Aneignung der Geschichte besonders auffällig. Zu allen Zeiten versetzten Kunstschaffende ihre Krippenszenerie einfach in die eigene Landschaft. In Peru tragen die Protagonist:innen alpakawollene Umhänge. In Südkorea schöne seidene Gewänder. Aber in Botticellis Gemälde passiert noch etwas ganz anderes: Eine Anbetung der Mächtigen.
Das Bild wird 1475 von einem Florentiner Bankier namens Guaspare di Zanobi del Lama in Auftrag gegeben. Und dafür ist er natürlich mit im Bild (in der Gruppe auf der rechten Seite sieht er uns mit erhobenem Zeigefinger an). Er ist ein Freund der Familie Medici. DER Familie Medici, die über drei Jahrhunderte eine politische, religiöse und wirtschaftliche Macht besitzt, wie keine andere.
Dafür dürfen sie mit ins Bild. An prominentester Stelle kniet Cosimo de‘ Medici als einer der weisen Sterndeuter vor dem Kind und umfasst vorsichtig mit seinem Schal die Füsse des Kindes. Seinen Sohn, Piero di Cosimo de‘ Medici sieht man mittig in direkter Linie unter Maria im roten Mantel. Er wendet sich zu seinem Bruder, Giovanni di Cosimo de‘ Medici. Interessanterweise ist der Enkel Lorenzo di Magnifico gleich hinter dem knieenden Grossvater der einzig Lebende, als Botticelli sie alle malt. Er ist der würdige, dynastische Nachfolger dieser grossen Männer, hier gleich mal heilig gemalt.
Wen sehen wir noch?
Sich selbst hat Sandro Botticelli auch ins Bild gesetzt. Das war damals nicht unüblich. Auf der rechten Seite sieht er uns selbstbewusst an. „Na, wie findet ihr meine Kunst“, scheint er uns zu fragen, wobei die Antwort natürlich nur „grossartig“ (und politisch sehr geschickt) sein kann.
Und die Hauptdarsteller? Josef freut sich über das Kind und schmunzelt in sich hinein über die Ansammlung ehrwürdiger Florentiner. Maria hält ihnen wohl oder übel den Säugling entgegen und Jesus scheint sich skeptisch mit der Hand an den Kopf zu fassen, was hier auf Erden so los ist.
Einen frohen Sonntag für Sie, herzlich Eva Mueller

Abb.: „Die Anbetung der Heiligen Drei Könige“ von Sandro Botticelli, um 1476, Tempera auf Holz, 111×134 cm, Uffizien Florenz