DER MONTIERTE MENSCH

Guten Tag,

„wir erklären, dass sich die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert hat: die Schönheit der Geschwindigkeit. Ein Rennwagen, dessen Karosserie grosse Rohre schmücken, die Schlangen mit explosivem Atem gleichen… ein aufheulendes Auto, das auf Kartäschen zu laufen scheint, ist schöner als die Nike von Samothrake“ (eine der bekanntesten griechischen Skulpturen der Siegesgöttin Nike). So steht es im Gründungsmanifest der Futuristischen Kunstbewegung 1909 von Filippo Marinetti, der damit eine der vielen Stilrichtungen des letzten Jahrhunderts begründete. Und einige Paragraphen weiter auch gleich den Krieg mit verherrlichte,  „den Militarismus, den Patriotismus und die Verachtung des Weibes“, „als Hygiene der Welt“.

Malerkollege Otto Dix zeigt uns im Gegensatz dazu, in welches Leid und welche Not solches Denken führte. Der entindividualisierte, maschinell funktionierende Mensch ist natürlich prima einsetzbar bei Massenaufmärschen und Gewaltexzessen. Diese unheilvolle Verknüpfung hat uns die Geschichte in all ihrem Schrecken vor Augen geführt.

Nicht immer stehen sich Technik und Humanismus so diametral gegenüber. Aber die Ambivalenz, wenn es um Mensch und Maschine geht, prägt auch aktuelle Diskussionen über digitale Kommunikation, selbstfahrende Autos oder Pflegeroboter in Altenheimen.

Kurz bevor ich zur Ausstellung über den montierten Menschen im Folkwangmuseum Essen fuhr, zerstörten in meiner unmittelbaren Nachbarschaft neue Grundstückbesitzer einen schön eingewachsenen Garten und rissen mit brachialer Gewalt eine mindestens 80jährige Kiefer aus dem Boden. Nicht notwendigerweise, weil sie auf dem zu bebauenden Raum stand. Aber sie könnte ja Schatten verursachen. In dieser Geschwindigkeit und Kurzsicht möglich, weil dafür höchst leistungsfähige Baumaschinen zur Verfügung stehen. Hätte man mit der Hand buddeln müssen, würde das Ergebnis vielleicht anders aussehen.

Heilslehre Technik? Zukunftsvision? Neuer Geschwindigkeitsrausch der Digitalisierung? Damit verbunden ist die Hoffnung, in einer globalisierten Welt ökonomisch erfolgreicher agieren zu können, Fortschrittsglaube, aber zugleich die Angst vor Kontrollverlust und Überwachung, Arbeitsplatzverlust, Gefühle existentieller Bedrohung.

Auch in der Kunstwelt finden sich all diese Positionen wieder: Smartphone-freie Künstler/innen, pragmatische Techniknutzung für künstlerische Projekte, digitale Kunst.

Wo stehen Sie?

Einen besinnlichen 2. Advent wünsche ich Ihnen,
von Herzen Ihre Eva Mueller

Newsletter der Eva Mueller Kunstberatung
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