Die Töchter von Turan
Mein Highlight auf der diesjährigen Biennale in Venedig ist eine Begleitveranstaltung in einem der schönsten Palazzi der Stadt. Wir verdanken sie der privaten Stiftung Parasol Unit Foundation for Contempory Art von Dr. Ziba Ardalan.
Turandot, auf persisch „Turandokht“ ist ein häufiger Vorname und bedeutet Töchter von Turan. Damit ist ein weitläufiges Gebiet Zentralasiens gemeint. Teile des Persischen Reichs wie Afghanistans, Kasachstan, Kirgisistan, Pakistans, Tadschikistan, der Türkei, Turkmenistan, Usbekistan gehörten dazu.
Sie kennen Turandot vielleicht aus der Literatur oder Oper. Ihre Geschichte veränderte sich über die Jahrhunderte, in verschiedenen Sprachen und Kunstformen. In der frühesten Version erzählt Nezami Ganjavi von einer weisen und unnahbaren Prinzessin. Je nachdem wie stark die patriarchale Interpretation zuschlug, wurde die selbstbewusste, intellektuell autonome „Eisprinzessin“ als besonders kaltherzig und grausam dargestellt, die nur einen ebenso klugen Partner akzeptieren will.
Elf Geschichten aus Zentralasien
In Venedig erzählen elf bedeutende Künstlerinnen aus unterschiedlichen Regionen des Ostens ihre Geschichten. Die Töchter des Turan eröffnen uns den Zugang zu ihren sozialen, mythologischen und globalen Themen, greifen in die Vergangenheit und weit in die Zukunft. Gleich am Eingang erglüht Mona Hatoums Erdball „Hot Spot“. Dieses Werk bedarf keiner weiteren Erklärung. Noch dazu, wenn man es im glühend heissen Sommer dieses Jahres betrachtet.
Ganz harmlos hüpfen in einem anderen Raum niedliche Häschen über die Wandprojektionen von Farideh Lashai. Sie erinnern an die Geschichte von Alice im Wunderland als Allegorie für die politische Situation im Iran, unter anderem an den Sturz des demokratisch gewählten Premierminister Mossadegh.
Huma Bhabh erzählt von der Seidenstrasse Nord Afghanistans, dem Geburtsort des berühmten persischen Dichters Rumi. Balkh war 4000 Jahre lang ein Zentrum der Kultur, Zivilisation, Religion, des Handels und der Bildung. Heute sehen wir eine zerbombte Stadt. Dagegen setzt Madina Joldybek aus Kasachstan ihre Textilarbeiten zur „Milchstrasse“. Sie nimmt die Tradition der Grossmütter auf, die ihre guten Wünsche und ihren Segen an die Enkeltöchter in fein gestalteten Wandbehängen weitergaben.
Was ist an dieser Ausstellung so faszinierend? Im gemeinsamen Thema verdichten sich die Erfahrungen der Künstlerinnen. Von Raum zu Raum tauchen wir tiefer ein in die Geschichten der Töchter von Turan.
Mit herzlichem Gruss von meiner letzten Führung heuer aus Venedig,
Ihre Eva Mueller

Mona Hatoum „Hot Spot“, 2026
Farideh Lashai „Gone down the Rabbit Hole“
„I come from the Land of Ideology“, 2026