SOMMERSPECIAL BUCHTIPP 26-5
Wie es Euch gefällt – Eine Geschichte des Geschmacks
Über Geschmack lässt sich nicht streiten – de gustibus non est disputandum? Da widerspreche ich! Natürlich müssen wir darüber reden, was Qualität ist. Gerade wenn es um Kunstwerke geht.
Wir machen das dauernd. Es gibt Kriterien für Kunst. Für Qualität. Selbstverständlich wertschätzend verläuft dieser Diskurs in all den Jurys, die ich für öffentliche Kunst am Bau Wettbewerbe kuratiere und moderiere. Wenig erstaunlich: So entstehen die besten Ergebnisse für den Siegerentwurf. Weil Jede:r aus seiner Profession – Bauherr:in, Architekturbüro, Projektleitung, Kunstexpert:innen andere Aspekte einbringt. Damit entsteht ein klares – meist einstimmiges – Urteil.

Geschmack braucht einen gemeinschaftlichen Sinn.
Er zeigt sich, wo man von etwas berührt wird. Der grosse Philosoph Emanuel Kant sieht in der Diskussion, Untersuchung, Beratung und dem daraus folgenden Urteil ein Zeichen unserer Humanität. Wir sind fähig, uns innigst und allgemein mitteilen zu können. Das ist etwas anderes als die schnelle Einordnung, mag ich, mag ich nicht.
Ulrich Raulff beleuchtet beleuchtet in seinem Buch „Wie es Euch gefällt. Eine Geschichte des Geschmacks“, das Thema unterhaltsam und klug von allen Seiten. Er beginnt mit der Stilikone Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“, zitiert Emanuel Kants „Kritik der Urteilskraft“ und versucht dem auf die Spur zu kommen, wie sich Geschmack eigentlich bildet.
Vielleicht sollten wir weniger fragen, was Geschmack ist und mehr darauf achten, was er leistet, tut, bewirkt, schreibt er. Natürlich braucht es Kennerschaft, Seherfahrung, Reflexion des eigenen Urteils. Zu allen Zeiten gab es „tastemaker“, Menschen, die den Stil in ihrer Zeit und Generation prägten. „Künstlerkünstler:innen“, die andere beeinflussten, zur Nach- und Weiterbildung anregten.
Wie würde die Welt aussehen ohne diesen Schönheitssinn?
Die Unterscheidung von Gut und Böse ist uns immer schon schwergefallen, schreibt Raulff. Gerade legen es einige darauf an, uns die Differenz zwischen Wahr und Unwahr austreiben zu wollen. Und nun? Sollen wir auch den Gegensatz von Schön und Hässlich verlieren?
Geschmack ist ein auszubildender Sinn, sozialer Habitus. Er benötigt Feinsinn, Zartgefühl, das Vermögen, Nuancen wahrzunehmen und zu unterscheiden, so wird Roland Barthes zitiert. Das Prinzip des Zartgefühls gegen Anmassung und Intoleranz, Flucht vor Dogmatismus. Dieser Sinn für Schönheit vermag Welten in Bewegung zu setzen!
Mit herzlichem Gruss
Ihre Eva Mueller
„Wie es Euch gefällt. Eine Geschichte des Geschmacks“ von Ulrich Raulff ist im C.H. Beck Verlag erschienen.