TRAUM UND WIRKLICHKEIT
Kleine Stilkunde des Surrealismus

Was ist irrational, nur ein Traum oder doch eine intuitive Erkenntnis? Steuern wir unser Handeln bewusst? Oder lassen wir uns eher von unbewussten Impulsen leiten? Nutzen Sie Kraft der Phantasie in Ihrem Alltag? Oder orientieren Sie sich strikt an dem, was messbar und sichtbar ist? Wie viel lässt sich überhaupt so beweisen?

Das Verständnis „unsichtbarer“ Kräfte ist gerade im Unternehmenskontext entscheidend

Traum und Wirklichkeit müssen keine Gegensätze sein. Das zumindest ist die zentrale Idee des Surrealismus. Der Begriff wurde erstmals 1915 als Reaktion auf ein Theaterstück von Guillaume Apollinaire verwendet. Andre Breton, der als Medizinstudent in einer psychiatrischen Klinik arbeitete und 1921 Sigmund Freud besuchte, verfasste 1924 das Manifest des Surrealismus.

Die Künstler:innen des „Sur-Reálisme“, („über dem Realismus“), lehnten die bürgerliche Vorstellung einer Trennung von Logik und Intuition ab. Gerade in der Verbindung beider Ebenen versprachen sie sich den Schlüssel zu neuer Erkenntnis. Nach den Schrecken des ersten Weltkriegs konnte man schwer an die Vernunft der Menschheit glauben, da doch gerade die irrationalen Beweggründe das Leben so vieler Menschen gekostet hatte. In seiner Relativitätstheorie hatte Albert Einstein das seine zur Unhaltbarkeit des Kausalitätsbegriffs beigetragen.

Leonora Carrington

Eine herausragende Vertreterin des Surrealismus war Leonora Carrington. 1917 in England geboren, verband sie schon mit 15 Jahren auf faszinierende Weise Traum und Wirklichkeit in ihren Zeichnungen. Eine Bildungsreise hatte sie nach Florenz geführt. Die Kenntnis der Bildgebung klassischer Meisterwerke floss in die Darstellung der von ihrer Grossmutter vermittelten Märchengestalten ein.

Wir sehen eine scheinbar gegenständliche Malerei, mit phantastischen Wesen, illusionären Landschaften, rätselhaften Objekten. Als avantgardistische Künstlerin, Feministin und Ökologin musste sie vor den Nazis aus Südfrankreich fliehen. Und erlebte daraufhin selbst eine psychische Krise. In Mexiko, wo sie nach ihrer Flucht landete, wurde sie zu einer viel geehrten Kultfigur.

Es ist eine grosse Freude, das Gesamtwerk von Leonora Carrington mit 126 Werken aus den unterschiedlichsten Phasen ihres vielschichtigen und langen Künstlerinnen-Lebens (sie wurde 94 Jahre) nun im Musée du Luxembourg entdecken zu können. Wie schön, dass ihr Schaffen nun so prominent in Paris gewürdigt wird.

Es grüsst Sie herzlich Ihre Eva Mueller

Musée du Luxembourg Paris, Leonora Carrington, bis 18. Juli 2026

Traum und Wirklichkeit

Abb. links „Levitasium“, Öl auf Leinwand, 1950, Frahm Collection
Diesen Titel hat Leonora Carrington selbst erfunden, er bezieht sich auf die Möglichkeit der Levitation (Schwerelosigkeit). Die Figuren scheinen der menschlichen Erdenbindung enthoben.

Abb. Mitte: „Der Seher“, Öl auf Leinwand, 1950
In diesem Werk zeigt Carrington die Verbindung von Intuition und Gelehrsamkeit nach dem Prinzip wonach „das, was unten ist, wie das ist, was oben ist, und das, was oben ist, wie das ist, was unten ist”. Der Seher lädt zur Vereinigung der Gegensätze ein.

Abb. rechts: „Unter der Windrose“, Öl auf Leinwand, 1955,  Dallas Museum of Art, The Eugene and Margaret McDermott Art Fund. Inc. Auch hier scheinen die drei Protagonist:innen nach erweitertem Wissen zu streben.

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