Macht oder Ohnmacht der Kunst?

In diesen turbulenten Zeiten – sehen wir eher Macht oder Ohnmacht der Kunst? Angeregt durch die Anfrage zu einem Vortrag für den Neujahrsempfang der Privaten Vermögensbetreuung Kris Hauf in Hamburg, konnte ich mich ganz aktuell dieser Frage widmen. Die bisherige Direktorin Deborah Rutter des Kennedy Centers in Washington sagt: „Ich glaube an die Arbeit des Künstlers. Ich mache keine Propaganda. Ich bin keine Politikerin. Kunst spricht für sich selbst. Kunst erzeugt nicht immer Wohlgefühl. Aber sie erzählt uns, wer wir sind.“

Doch Trump meinte in der Form des Pluralis Majestatis: „Wir haben das Kennedy Center übernommen. Uns gefiel nicht, was sie dort zeigen.“ Und so heisst eines der bedeutendsten Kulturzentren in Washington nun Trump-Kennedy-Center. Ein gutes Zeichen, weil solche Namensehrungen normal nur posthum nach der Amts- oder Lebenszeit vergeben werden?

Macht oder Ohnmacht der Kunst


Künstler:innen versuchten zu allen Zeiten die Grenzen der ökonomischen, politischen, sozialen oder kulturellen Festschreibungen zu erweitern. Autokrat:innen versuchen im Gegenteil kritische Stimmen zu eliminieren. Wie macht man das am Besten? Heute mit der einfachen Behauptung, etwas wäre „woke“. Doch nur für bestimmte Leute ist es unangenehm, wenn Ungerechtigkeiten, Rassismus, sexuelle oder soziale Benachteiligung von politisch wachen, aufmerksamen Menschen in Frage gestellt werden.

Kunst macht!

Auch bei uns gibt es Tendenzen, Kunstschaffende oder ganze Institutionen zu diskreditieren. Versuche, ihnen die Förderung zu entziehen. Wenn Kunst nicht so wirkungsvoll wäre, Bilder und Ideen in unseren Köpfen zu verankern, gäbe es diese Angriffe nicht. Autonomes Denken und Gestalten, das Aufzeigen von Missständen, Grenzen sprengende Ideen, waren Diktatoren schon immer ein Dorn im Auge. Doch sind sie letztendlich nicht zu unterdrücken, selbst mit brachialen Methoden.

macht oder ohnmacht wall of shame

So zeigt der Künstler Phil Buehler mit seiner „Wall of Shame“ die Verbrechen von 1500 Personen, die 2021 das Kapitol gestürmt hatten. Jenny Holzer nutzt für ihre nachdenklichen Statements ebenfalls den öffentlichen Raum. Und andere setzen auf Humor.

Wie Rutter sagt: „Kunst erzählt uns, wer wir sind“. Auch wenn es manchmal unerträgliche Zeit dauert, die Macht freier Kunstausübung hat sich in der Geschichte immer durchgesetzt. Keine Gesellschaft überlebt ohne Schönheit, Tiefe und Poesie.

Herzlich Ihre Eva Mueller

Abb.: Was Autokraten und Narzissten gar nicht mögen: Humor! Coco Fusco und Pablo Helguera haben sich mit ihrer Publikation „The Siren“ genau dies zum Ziel gesetzt: „Auf Kosten der Tyrannei lachen“.
Unten: Wall of Shame von Phil Buehler.

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