Wesen in Tanja Fenders Welt
Was unterscheidet uns Menschen von anderen Wesen? Eine immer wieder heftig diskutierte Frage, die zu abstrusesten Ergebnissen führte. Unerklärlicherweise scheinen manche erstaunt, wenn Studien beweisen, dass Tiere ebenfalls über die Fähigkeiten zum Werkzeuggebrauch, zu sozialen Verhaltensweisen wie Trösten oder Retten verfügen. Wir wissen, dass sie zu tiefen Gefühlen fähig sind – und lassen sie doch in so vielen Bereichen furchtbar leiden, denken wir nur an die Massentierhaltung.
Tierskulpturen
In den Werken von Tanja Fender finden sich all diese Facetten wieder. Die in Winogradar, Kirgisistan, geborene Künstlerin, die in Kunstgeschichte promoviert und an der Münchner Kunstakademie studiert hat, weiss genau was sie tut. Und kann dies auf berührende Weise und künstlerisch präzise auf hohem Niveau umsetzen.
Sehr lebendig und natürlich erscheint uns diese Welt der Mischwesen, die uns die Künstlerin in ihren Tierskulpturen vor Augen führt. Oft überlebensgross, zeigen sie uns ihre Gefühle: Angst, Liebe, Fürsorge, Schüchternheit.

Da thront eine Maus auf einem hermelinpelzartigen Fell, einem königlich anmutenden Gebilde – eine ganz andere „Dame mit dem Hermelinpelz“, wie wir sie von Leonardo da Vincis berühmten Gemälde kennen, auf dem das Tier wie ein Schosshündchen wirkt. Bei Fender nimmt die Maus eine menschliche Rolle an.
Im selben Raum steht ein Nacktmull, dem es offensichtlich peinlich ist, hier so herumzustehen. Vielleicht hat er auch gerade etwas ausgefressen? Jedenfalls scheint es so als würde er lieber im Erdboden – oder hier im feinen Parkett – verschwinden zu wollen. Kennen wir das nicht auch?
Am Eingang empfängt ein grosser, etwas grimmig dreinblickender Bär. Aber wenn man ihn ein wenig umrundet, entdeckt man in seinem Arm ein sicher geborgen schlafendes Menschenbaby. Ein Symbol dafür, dass uns vielleicht nur die Erkenntnis unserer gemeinsamen Herkunft retten kann? Die Fähigkeit, mit allen Wesen in Einklang zu leben?

Epistemische Räume hat Tanja Fender ihre Ausstellung genannt. Es geht also um Einsichten, Erkenntnisse, Wissen, das wir gewinnen können, wenn wir uns auf ihre Kunst wirklich einlassen. Rasmus Kleine, Leiter des Kallmann Museums Ismaning, hat die Ausstellung im angrenzenden barocken Schlosspavillon kuratiert. Ihm gelingt es mit seinem Programm immer wieder hochinteressante künstlerische Positionen von jüngeren, zeitgenössischen Künstler:innen zu präsentieren. Und so zu jenem intellektuellen, visuellen, physischen und psychologischen Erkenntnisgewinn beizutragen, den uns in dieser Gesamtheit nur Kunstwerke vermitteln können.
Davon begeistert grüsst Sie herzlich Ihre Eva Mueller
Tanja Fender „Epistemische Räume“
In der Galerie im Schlosspavillon Ismaning noch bis 22. März 2026 zu sehen
Abb.:
Oben: Rosa Maus, 2015, Gips, Styropor, Draht, Platin-HTV-Silikon, Ölfarbe
Nacktmull, 2025, Gips, Styropor, Draht, Platin-HTV-Silikon, Ölfarbe, Glas, Feder
Unten: Adler, 2025, Gips, Styropor, Draht, Platin-HTV-Silikon, Ölfarbe, Glas
Zwei Mäuse, 2020, Gips, Styropor, Draht, Platin-HTV-Silikon, Ölfarbe