Perspektiven – durchschauen
Eine kleine Stilkunde
„Flachware“ nennt man sie in der Kunstszene etwas ironisch und despektierlich, die zweidimensionalen Gemälde. Wie auch soll es auf einer Fläche gelingen, allein mit den Dimensionen von Höhe und Breite die dreidimensionale Welt darzustellen?
In der Frühzeit griff man zu einigen Tricks. Religiös oder weltlich bedeutendere Figuren wurden grösser dargestellt, hintereinander oder verkürzt. Mit wachsender Entfernung färbte man den Hintergrund – wie in der Natur zu beobachten – bläulicher und heller, um so eine gewisse Tiefenwirkung zu erreichen.
Die Entdeckung der Perspektive
Eine wirklich wissenschaftliche Entdeckung räumlicher Perspektiven (lat. Durchschauen) gelang Filippo Brunelleschi. Der berühmte Baumeister, Bildhauer, Künstler seiner Zeit, Planer des Petersdoms. Weil alles in unserer Nähe auf der Netzhaut grösser dargestellt wirkt, als weiter entfernte Dinge oder Landschaften, muss dies geometrisch exakt nachgebildet werden. Masaccio setzte dieses Wissen als erster in seinem Fresko der „Maria mit Engeln und Heiligen“ von 1422 in der Kirche Santa Maria Novella in Florenz um.
Zuerst musste der Fluchtpunkt bestimmt werden, von dem aus sich die geometrischen Linien immer mehr vergrösserten. Liegt er in der Mitte, sprechen wir von Zentralperspektive. Wird er sehr hoch gewählt, von Luftperspektive. Die Kavaliersperspektive bezieht sich auf die Augenhöhe aus Sicht eines Reiters. Es gibt auch die Froschperspektive, Ein- oder Zweipunktperspektive und und und…
Interessanterweise entstehen in der zeitgenössischen Kunst Gemälde, die sich ganz bewusst perspektivischen Regeln widersetzen (was davon zu unterscheiden ist, wenn es aus Unvermögen geschieht). Weil damit unser natürliches Sehen irritiert wird, eine andere Wirkung entsteht, Bedeutungen verschoben werden – ähnlich wie in der Volkskunst oder Kinderzeichnung.
In seinem Roman „Perspektiven“ erzählt Laurent Binet eine spannende Geschichte um einen (erfundenen) Mord am Maler Jacopo da Pontormo. Der Maler Giorgio Vasari (recht bissiger Biograph der Künstler seiner Zeit in den „Vite“) soll ihn im Auftrag des Herzogs von Florenz aufklären. Dabei kommt ein, die Medici kompromitierendes Gemälde zu Tage. Michelangelo, der gerade an seinen Fresken für die Sixtinische Kapelle in Rom arbeitet, ist mit verwickelt. Und die Entdeckung der Perspektive spielt eine Rolle. Auch im lateinischen Wortsinn, wenn es darum geht die Ränkespiele der Königin von Frankreich zu durchschauen. Oder die wirkliche Situation der Maler:innen als Spielball politischer Umwälzungen im 16. Jahrhundert.
Das Hörbuch zu „Perspektiven“ von Laurent Binet finden Sie in der ARD Audiothek: https://www.ardaudiothek.de/sendung/laurent-binet-perspektiven/urn:ard:show:7e26a44587d2d35e/
Viel Vergnügen mit den Florentiner Maler:innen – und deren Perspektiven –
wünscht Ihnen Ihre Eva Mueller

Abb.: Michelangelo, Ausschnitt Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle, Petersdom, Rom
Eine ganz besondere Herausforderung ist die Perspektive in der Kuppel der Sixtinischen Kapelle, die Michelangelo so malen musste, dass sie aus der Betrachtung von unten stimmig erscheint.