Motivationstrainer Kunst

Der Trend zur Sparsamkeit hält in den meisten Unternehmen an. Experten raten trotzdem großzügig bei der Raumgestaltung zu sein. Denn langfristig zahlt sich das aus.

Artikel in der Vogue Business – Karriere – von Bettina Koch: Motivationstrainer Kunst

Der Weg zur Kantine und in die weit verzweigten Trakte der Allianz-Hauptverwaltung in München verläuft unterirdisch. An die 1000 Mitarbeiter und Besucher nutzen täglich das 500 Meter lange Tunnelsystem zwischen Leopoldstraße und Englischem Garten. Beklemmende Gefühle bleiben dank der faszinierenden optischen und akustischen Eindrücke aus. So schlendert – oder eilt – man beispielsweise an einer Lichtinstallation aus wechselnden Farben vorbei und hört dabei im Hintergrund das Konzert von imaginären Dschungelvögeln, betrachtet 15 Meter breite Fotografien von Andreas Gursky oder bewegt sich durch eine auf Wände, Boden und Decke gemalte Spirale des Künstlerinnen-Duos Haubitz und Zoche. “Diese Gänge schaffen buchstäblich Kommunikation, also Verbindungen”, sagt Georg Freiherr von Gumppenberg, Kunstsachverständiger bei der Allianz.(….)

Nach Ansicht von Jochen Kienbaum, 58, Chef der gleichnamigen, weltweit operierenden Unternehmensberatung, wirkt sich Raumgestaltung nach außen ebenso wie auch innen aus. (…) “Kunst macht einen Betrieb interessanter. Sie bringt andere Facetten in den Büro-Alltag und wertet den Arbeitsplatz auf” findet er (…)

Kunstwerke geben Denkanstöße und inspirieren zu neuartigen Lösungen

In einer Studie, die Eva Mueller, selbstständige Kunstberaterin in München, mit der Fakultät für Wirtschaftspsychologie der Ludwigs-Maximilians-Universität in deutschen Firmen durchführte, betonen Angestellte immer wieder, dass Bilder und Plastiken ihnen Denkanstöße geben und sie zu neuartigen Lösungen anregen. Den emotionalen Aspekt einer solchen ästhetischen Ausstattung hat Mueller zu ihrem Schwerpunkt gemacht, denn “Menschsein heißt Schönheit wahrnehmen zu können und daraus geistige Kraft zu schöpfen.” Kunst sei ein probates Mittel, um Engagement, Begeisterung und Kreativität zu fördern. Der tägliche Umgang mit ihr schule zudem das allgemeine Qualitätsempfinden. (…)

Eva Mueller ist überzeugt, dass sich die Investition nicht zuletzt deshalb lohnt, weil man damit Signale setzt: für Kompromisslosigkeit, Risikobereitschaft, neue Wege, langfristiges Denken, je nachdem. “Man hebt sich ab – und bekommt im Gegenzug herausragende Leistungen zurück.”

Das Budget für solche Projekte müssen dabei nicht riesig sein. “Bei kleineren Unternehmen genügen wenige Bilder, um das Raumklima zu verändern” sagt Mueller. Wesentlich sei, nicht aus finanziellen Gründen auf reine Dekoration auszuweichen. “Plakate haben keine Aura und stoßen keinen kreativen Prozeß an”. Als sie das Four-Seasons-Resort “Terre Blanche” in Tourrettes, Südfrankreich mit tausend Objekten schmückte, bestand sie darauf, einige in der Kantine zu platzieren. “Wenn jemand in einem Hotel beschäftigt ist, in dem Kunst einen derart hohen Stellenwert einnimmt, muss er das auch in seinem eigenen Tätigkeitsbereich erleben!” (…)

So bringen Bilder Veränderung in Gang. Als Eva Mueller vor Jahren eine Bausparkasse, die ihr biederes Image loswerden wollte, ausstattete, kam eine Kundenberaterin auf sie zu und schimpfte: “Wir sind ein seriöses Haus!” Mueller nahm das als Beleg den richtigen Nerv getroffen zu haben: “Diese Frau verkörperte die alte Haltung.” Insbesondere für Banken und Versicherungen, die ähnliche Dienstleistungen und Produkte anböten, könne Kunst als Mittel zur Unterscheidung und Profilierung dienen. (…)

Den Mitarbeitern würde auf diese Art das Gefühl vermittelt, Teil von etwas Besonderem zu sein. “Gerade wenn sie ein Gegenpol zu den Inhalten der Arbeit ist, kann sie ihre Möglichkeiten entfalten und äußerst anregend sein”, sagt Eva Mueller. Das trage wesentlich dazu bei, eine kreative Stimmung zuschauen. Sogar Humor hat daher in ihren Konzepten Platz. In den Sitzungsbereich des Four Seasons hängte sie eine Schiefertafel des documenta-Künstlers Ben Bautrier, die neben einer kleinen Glocke die Aufschrift trägt: “if you know the truth ring the bell”. An einem Ort, wo häufig gegensätzliche Ansichten aufeinander prallen, löst sich dadurch Spannung eher in Wohlgefallen auf.