Kunst ist mehr als Invest

Blogartikel von Gunda Achterhold
„Ich muss etwas Sinnvolles tun“ – Eva Mueller, Kunstberaterin

Was hat eine Expertin, die Unternehmen bei der Auswahl von Kunst berät, eigentlich an den eigenen Wänden hängen? Ganz ehrlich, ich habe gar nicht darauf geachtet. Es war dieser Gesamteindruck aus Farben (wow, eine goldene Wand im Flur!), Formen und Licht, der mich bei meinen Besuchen jedes Mal völlig eingenommen und fasziniert hat. Ich kenne das Häuschen in Grünwald, in dem Eva Mueller lebt und die Aktivitäten ihrer Kunstberatung organisiert, schon seit einigen Jahren. An einem Abend Anfang 2009 rutschten wir Netzwerkerinnen aus dem Münchner Wirtschaftsforum zwischen Kunstbänden, Frachtpapieren und Fotos in ihrem Arbeitszimmer zusammen und hörten wie gebannt zu, was Eva Mueller von ihrem Kunstprojekt in Amman berichtete. Über den Kontakt zu einer jordanischen Journalistin hatte sie eine Ausstellung konzipiert, die wenige Wochen zuvor in der renommierten Jordan National Gallery gezeigt worden war. Noch im letzten Moment drohte das extrem aufwendige Projekt, das Werke von Künstlerinnen und Künstlern aus arabischen und europäischen Ländern zusammenbrachte, zu scheitern.

Eine geschlagene Woche hatte die Münchnerin in Amman auf dem Zoll verbracht, viel Überzeugungsarbeit leistend und händeringend darauf wartend, dass die Gemälde, Installationen und Objekte rechtzeitig frei gegeben werden. Es war dann doch noch alles gut gegangen. Die unter der Schirmherrschaft des jordanischen Könighauses stehende Ausstellung „Together“ war ein voller Erfolg und wurde verlängert, die Besucher standen Schlange. Heute lacht Eva Mueller, wenn sie an die gigantischen Ausmaße denkt, die das Kulturprojekt angenommen hatte. „Drei Jahre lang habe ich mich mit der Vorbereitung beschäftigt und auch viel Geld reingesteckt“, sagt sie und schüttelt den Kopf. „Unternehmerisch war das Harakiri.“ Bereut hat sie ihr Engagement nie. „Die politische Situation war sehr angespannt, ständig wurden die Unterschiede zwischen der arabischen und der europäischen Welt betont“, erzählt sie. „Da wollte ich was tun.“

Berufseinstieg im Frauengefängnis

Flagge zeigen – das passt zu Eva Mueller. Mit 13 Jahren las sie das Buch eines in England inhaftierten mehrfachen Mörders. Das Mädchen war elektrisiert: Warum scheitern manche in ihrem Leben so erbärmlich, während andere glücklich und erfolgreich sind – was steckt dahinter, fragte sie sich. Die Antwort vermutete sie dort, wo Menschen ganz unten ankommen. Zum Entsetzen ihrer Familie fasste Eva Mueller den Entschluss, im Strafvollzug zu arbeiten. Über eine Erzieherinnenausbildung machte sie nach dem Realschulabschluss das Fachabitur, studierte Sozialpädagogik und fing als Sozialarbeiterin im Frauengefängnis Am Neudeck an.

Liebe Eva, zwischen Knast und Kunstberatung liegen Welten. Wie hat sich denn das entwickelt?
Bei mir liefen schon immer zwei Interessen parallel: Die Liebe zur Kunst und der Wunsch, die Welt zu verbessern. Meine Oma – sie trug denselben Namen wie ich – war Malerin. Sie rettete drei Bilder über den Krieg, die mich schon als Kind fasziniert haben. Besonders ein Porträt, das meinen Vater als kleinen Jungen zeigte. Dieser „Kunst-Oma“, der ich selbst nie begegnet bin, weil sie jung starb, fühlte ich mich immer sehr verbunden. Beim Gedanken, selbst Kunst zu studieren, kam allerdings sofort die Überlegung: Wem nützt das? Es war die 68er-Zeit und ich wollte gesellschaftlich etwas verändern. Also entschied ich mich für die Sozialpädagogik.

Und was war mit deiner musischen Ader?
Ich habe immer viel Theater gespielt, war mit freien Gruppen auf Festivals unterwegs und organisierte Aufführungen an verschiedenen Unis. Das hat mir viel bedeutet, auch wenn es mit erheblichem Aufwand verbunden war. Ich bin LKW gefahren, habe das Bühnenbild mit eingepackt und wieder aufgebaut, Spielorte gesucht, Geldgeber aufgetrieben und Werbung für unsere Veranstaltungen gemacht. Als ich in die Sozialarbeit einstieg, habe ich dann auch mit dem Kunststudium ernst gemacht: Fünfzig Prozent im Gefängnis Am Neudeck, fünfzig Prozent als Gaststudentin an der Kunstakademie. War typisch für mich – auch da lief beides gleichzeitig.

Vollzeitkünstlerin und Weltverbesserin – das ging nicht zusammen?
Ich war mir gar nicht sicher, ob ich als Künstlerin gut genug bin. Als mir mein Professor dann signalisierte, dass es reicht, da wusste ich, dass ich mich entscheiden muss. Ich hatte das lange offen gelassen. Aber dann merkte ich, dass es mir auf Dauer nicht reichen würde, den ganzen Tag vor meinem Skizzenbuch zu sitzen. Ich brauche Menschen um mich herum. So kam ich zur Kunsttherapie. Ich habe alles gelesen, was es damals darüber gab und habe es dann in der Arbeit mit jugendlichen Inhaftierten eingesetzt. 

Nach zwei Jahren Gefängnisarbeit war Schluss. „In den starren Strukturen des Strafvollzugs war ich leider ein Störfaktor, da ich die Abläufe ändern, etwas verbessern wollte“, sagt Eva Mueller über diese ersten Berufsjahre. „Ich hätte mich anpassen müssen – und damit hätte ich in meinen Augen nichts Sinnvolles mehr beitragen können.“ So zäh und zielstrebig sie auf die Arbeit im Strafvollzug hingearbeitet hatte, so entschlossen packte sie neue Aufgaben an. „Ich hatte meine Antwort gefunden“, stellt sie fest. „Häftlingen, die eine lebendige Vorstellung, eine Vision, von ihrem Leben nach der Entlassung hatten, ist es oft gelungen einen neuen Weg zu gehen. Den anderen nicht.“

Vorbild Amerika: Kunst, Architektur und Stadtgesellschaft

Aus der Suche nach geeigneten Räumen für Theaterprojekte entstand in den achtziger Jahren das Münchner Frauenkulturhaus. Eva Mueller gehörte zu den Mitbegründerinnen und übernahm die Leitung der Galerie. Sieben Jahre lang kuratierte sie die wechselnden Ausstellungen für die Stadt München, bis sie sich 1993 als Kunstberaterin selbstständig machte. In amerikanischen Bankenvierteln hatte sie gelungene Beispiele für das Zusammenspiel von Kunst, Architektur und Stadtgesellschaft entdeckt. Sie suchte nach Unternehmen, die Neubauten planten, wandte sich an Architekten und legte zusammen mit einer Kollegin aus Frauenkulturhaus-Zeiten, die sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmerte, los. Seitdem ist die Münchnerin viel unterwegs. In mehr als sechzig Unternehmen, von der Deutschen Bank über die Metro Gruppe bis hin zur LBS Landesbausparkasse, hat sie Vorstände und Führungskräfte bei der Auswahl und Platzierung von Kunstwerken unterstützt. Was das heißt, ist mir selber erst vor zwei Jahren so richtig klar geworden. Für das Fachmagazin working@office recherchierte ich einen Beitrag zum Thema Betriebsklima, darüber kamen wir ins Gespräch. Und ich stellte fest, dass es bei der Kunstberatung nicht nur um ästhetische Aspekte geht. Eva Mueller ist auch in Banken und Versicherungen die Welt verbessernd unterwegs.

Was fasziniert dich so an deiner Arbeit?
Ich will die Kunst zu den Leuten bringen, dorthin wo sie einen großen Teil ihres Lebens verbringen, an ihrem Arbeitsplatz. Ich will erreichen, dass sie sich dort wohl fühlen und ein inspirierendes Umfeld vorfinden. Dann verändert sich auch in den Köpfen etwas, davon bin ich fest überzeugt. 

Wie gehst du an einen Auftrag heran?
Am Anfang steht die Analyse. Was ist das für ein Unternehmen, wie arbeiten die und was wollen sie mit der Neugestaltung erreichen? Mir geht es darum, einen inhaltlichen Bezug zu schaffen, und den suche ich über die Leute. Ich lese Geschäftsberichte, recherchiere die Geschichte der Unternehmen, spreche mit den Mitarbeitern, schaue mich um und frage, worauf sie stolz sind. So bekomme ich ein Gefühl für das Unternehmen, die Atmosphäre im Haus und natürlich auch für die Produkte oder Dienstleistungen, die sie anbieten. Für eine Baugesellschaft habe ich zum Beispiel schon mal Fotos von ihren Bauprojekten aufgegriffen und von Künstlern verfremden lassen. Das kam bei der Belegschaft unheimlich gut an! Es ist ganz wichtig, die Menschen mit einzubeziehen und ihnen nicht einfach etwas vorzusetzen. 

Steht bei deinen Auftraggebern nicht eher die Wertanlage im Vordergrund?
Kunst ist immer auch ein Invest. Die Qualität muss natürlich stimmen und dafür stehe ich auch. Aber wenn es nur darum geht, dass sich der Vorstand einen repräsentativen Rahmen schaffen will, dann nützt die Kunst nicht wirklich dem Unternehmen. Mir geht es immer um die Menschen und darum, ihnen ein Umfeld zu schaffen, in dem sie gerne und inspiriert arbeiten. Man darf das nicht unterschätzen: Es wird als ein deutliches Zeichen der Wertschätzung gesehen, wenn die Firmenleitung in Kunst investiert und Räume so gestaltet, dass sich alle darin wohlfühlen.

Sie kennt ganz unten und ganz oben

Auch in ihren eigenen Räumen fühlt man sich sofort wohl. Sie wirken auf eine eigenwillige Art heimelig, jedes Detail zeugt von Geschmack und hat seinen eigenen Touch. Bis hin zu den Sammeltassen mit Goldrand, die Eva Mueller mit Tee füllt. Die Mutter von zwei erwachsenen Töchtern ist eine zierliche Person, mit braunem Wuschelkopf und einer warmen, dunklen Stimme. Immer wenn ich sie treffe, geht mir spontan der Begriff „unaufgeregt“ durch den Kopf. Ob in Diskussionsrunden, Vorträgen oder Seminaren: Es geht eine unerschütterliche Gelassenheit von ihr aus. „Ich hebe nicht ab“, sagt sie von sich selbst. „Ich weiß, was ganz unten ist und was ganz oben – ich habe die ganze Palette gesehen und kann mit schwierigen Situationen umgehen.“ Alles, was sie in ihrem Leben bislang gemacht habe, von den Erfahrungen im Strafvollzug über Kulturprojekte bis hin zur ehrenamtlichen Arbeit mit traumatisierten Flüchtlingskindern, habe ihr bei einer anderen Sache wieder geholfen. „Wie Puzzleteilchen fügt sich das immer wieder zu neuen Formationen.“

Die Frage, was manche Menschen (oder Unternehmen) erfolgreich macht, beschäftigt sie bis heute. 2009 hat die Kunstexpertin ihr Institut für Visionalisierung gegründet. Sie arbeitet mit Wissenschaftlern aus der Wirtschaftspsychologie zusammen, hält Vorträge zum Veränderungspotenzial von Visionen und entwickelt in Großgruppenseminaren Konzepte für eine lebendige Unternehmenskultur. Sie selbst verfolgt Visionen unbeirrt. Bestes Beispiel ist ihr „Jahrbuch für Visionär/innen“, in dem sie die Lebenswege von Künstlern, Unternehmern oder Wissenschaftlern vorstellt und nach Gesetzmäßigkeiten ihres Erfolges forscht. Nach monatelangen Verhandlungen mit einem Verlag, die kurz vor dem Abschluss standen, brachte sie es kurzerhand selbst heraus. Liebevoll gestaltet, mit aufwendigem Layout, ohne Kompromisse an die Wirtschaftlichkeit. „Ich muss das Gefühl haben etwas Sinnvolles zu tun, etwas, das den Leuten nützt. Und solange ich von dieser Arbeit leben kann, bleibe ich dabei.“